Was ist Qualität? Gedanken über Core-Kompetenz, Funktionen und deren Kapitalisierung
Auf der Veranstaltung kress köpfe live 2008 war es ein zentrales Thema aller Referenten und Interviewpartner, das Thema Qualität. Qualität im Journalismus (guter, weil selbstkritischer Vortrag von Dr. Wolfram Weimer, CR Cicero), Qualität in der Heftausstattung (Patricia Riekel: “Ein Magazin wie ein Seidenpapier”) oder Qualität der Innovationen (Markus Peichl am Beispiel der Arbeiten der Lead-Academy). Ein paar Tage später der “selbstinszinierende Hilferuf” von Macel-Reich Ranicki anläßlich der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises.
Die Frage, die auch an dem kress-Abend nur angerissen wurde - was ist Qualität? Welche Maßstäbe gelten für eine Qualitätssteigerung? Ist Qualität journalistisch und gesellschafftlich relevante Themen anspruchsvoll aufzubereiten? Oder ist Qualität auch die Nähe zur Community, die Bedürfnisse zu antizipieren, wie Frau Riekel ihre Arbeit für die Bunte beschreibt?
Marcus Peichl beklagt, dass jede andere Branche einen höherer Innovationszyklus besitzt, als die Medienbranche (sinngemäß: “denken Sie daran, wie häufig in der Automobilindustrie neue Modelle von einem Anbieter auf den Markt kommen”). Jetzt könnte man dagegenhalten, das jede neue Ausgabe, jede neue Erscheinungsweise, ein modifiziertes Medienprodukt ist, denn jedes journalistische Produkt lebt. Im Gegensatz zu einem Auto, bei dem eine Modellreihe bis zum nächsten Relaunch unverändert ausgeliefert wird. Aber das ist nicht gemeint. Es geht um die Relevanz im Innvoationsgrad - mehr Innovationsbereitschaft, weniger mee-to.
Die Medien haben ein Subprime-Problem, konstatiert Dr. Weimer - und hat recht. Es geht um Auflage, es geht um Quote, es geht um Umsatz um jeden Preis. Zugegeben, die Abnehmerseite will in der Regel “einfache” Produkte, will “billige” Produkte womit die Tendenz zum Massenmarktprodukt unausweichlich ist. Inhaltlich “hochwertige” Produkte finden im Fernsehen nach 22.30 Uhr oder - wie auch im Höhrfunk - in Spartenkanälen statt. Journalistisch anspruchsvolle Print-Produkte leiden unter Auflagenproblemen, stoßen zunehmend an ihre ökonomischen Grenzen.
Wissenssendungen, Schuldenberatung, Beratung in der Kinder- und Hundeerziehung, Koch- Gesundheits- oder Ernährungssendungen, triviale Auswanderstorys, zeigen sehr deutlich das allgemeine Niveau (Panem et circenses), die Defizite gesellschaftlicher Emanzipationsprozesse, lösen aber nicht das Problem von Wissenbildung und Wissensvermittlung.
War es vor 12 bis 15 Jahren, also vor dem Aufkommen, resp. dem Durchbruch des Internets, noch relativ schwer an Informationen heranzukommen, habe wir heute das Problem, das wir “zuviele” Informationen haben. Doch das Informationsmanagement hat für mich 2 Facetten. Die Eine ist die quantitative Beherrschbarkeit der Informationen, die Andere die Interpretation der Informationen. Hier benötigen wir - von Journalisten in Zusammenarbeit mit Fach-Experten - Hilfe und innovative Ansätze. Und es muß auch das “Undenkbare” gedacht werden (dürfen).
Beispiel: Ein Nachrichtenportal, eine Tageszeitung, eine Wirtschaftzeitung, ein … verfügen in der Regel über ein internationales Korrespondentennetz. Dieses Korrespondentennetz ist aber nicht immer exklusiv und nicht immer und in jedem Land gleich und voll ausgelastet. Was ist denn das Kapital dieser Netze? Die Vor-Ort-Kompetenz, das persönliche Netzwerk, die Bewertungsrelevanz von Themen, Personen, Ereignissen. Der Vor-Ort-Journalist hört, sieht, liest mehr als wir von ihm in seinem Bericht, seinem Auschnitt im gesamten Redaktionsangebot, wahrnehmen.
Frage: Warum kann ich mir diese Kompetenz nicht “kaufen” (leihen)? z.B. als zahlendes Mitglied einer Geschäfts-Community? Wer heute mit oder in, sagen wir mal Equador, Geschäftsbeziehungen aufbauen möchte, braucht Informationen und Kontakte. Natürlich kann ich mir viele Informationen über diverse Institutionen, Portale oder Gruppen besorgen. Aber interessant wäre es doch, wenn mir ein “neutraler” Berater für die Verifizierung von Informationen und/oder einen Gedankenaustausch zur Vefügung stehen würde. Natürlich gegen Bezahlung. Selbstverständlich nur für (vorher) bestimmte Themen und immer in der Intension der Kontextvermittlung, also der Interpretation von Informationen, der Ausleuchtung des Betroffenheitsgrades.
Medien(organisationen) können aber auch Trendwatcher sein. Denn was sind denn Korrespondentennetzwerke? Sie sind die moderne Form der Scouts. Also jener Männer oder Frauen, die früher auf “feindlichem” Land operiert haben, ihre Informationen an die Leitstelle übermittelt haben, mit dem Ziel dass Entscheider ihre Strategien und Gefechtspositionen danach ausrichten konnten. Voila. Medien haben durch ihre Netzwerke, ihr interdisziplinäres Wissen und Agieren doch die Voraussetzungen für Scouts. Sie müssen nur kapitalisiert werden. Und wenn es anfangs micro-Geschäftsmodelle sind. Aber hier werden “Abfall-Produkte” nicht in eine Wertschöpfungskette mit einbezogen.
Wohlgemerkt, Journalisten sollen journalistische Arbeit leisten. Glaubwürdigkeit durch Unabhängigkeit und Professionalität sind die obersten Gebote. Aber der ein oder andere Journalist hätte vielleicht sogar Spaß daran (sich auch noch ein paar Euro mit zu verdienen, seinen Bekanntheitsgrad, seine Begehrlichkeit zu steigern) und Korresponden könnten (zumindest teilweise) stärker an Medienhäuser gebunden werden, da sie ausgelastet (nachgefragt) werden. Übrigens: Businessweek ist gemeinsam mit LinkedIn und dem Projekt Business Exchange den Weg schon einmal ein Stück vorausgegangen ….
Fazit: Ich glaube fest an Qualität. Ich meine, dass es in unserer Gesellschaft eine auch ökonomiosch relevante Zielgruppe gibt, die Bereit ist für Qualitätsprodukte zu bezahlen. Sie werden nur zu wenig angeboten. Gesellschaftliche Entwicklungen wie die Sehnsucht nach Orientierung und Nachhaltigkeit werden von diese Bereitschaft unterstützen. Es wird immer Massenmärkte für Massenbedürfnisse geben. Aber wir brauchen aber mehr Produkte die kontextbezogene Informationen anbieten. Denn kontextbezogene Produkte sind der intelligente Mehrwert einer Information. Wir müssen lernen wieder für Intelligenz, für Qualität zu bezahlen.