Wenn sich die Medien verändern, verändert sich die Gesellschaft
So philosophierte Anfang des 20. Jahrhunderts der Gesellschaftstheoretiker Walter Benjamin (1892 – 1940). Heute würden wir diese Sichtweise eher andersherum formulieren „wenn sich die Gesellschaft verändert, verändern sich die Medien“. Also den Einfluss der neuen Technologien auf unser Kommunikationsverhalten.
Vordergründig. Denn Hintergründig sind sehr wohl die Medien Ausdruck einer gesellschaftlichen Entwicklung. On-demand ist wohl das beste Beispiel für eine gesellschaftliche Grundhaltung, sich nicht festlegen zu müssen, ritualisierte Formate in frage zu stellen, multioptional zu leben. Alles ist möglich. Alles ist veränderbar und alles ist gestaltbar. Auch ich selber. Gesichertes Wissen wird durch vernetztes Wissen ersetzt. Ein Großteil der Jugendlichen lebt nach der Devise „das muss ich nicht wissen, denn ich weiß wo ich es finden kann“. Gesellschaftsrelevante Traditionen werden durch Lehrbeispiele und „zeitnahe Lebenshilfe“ ersetzt.
Allways-on sein ist schick. Flatrates unterstützen diese Begehrlichkeit. Digital Natives verstehen häufig nicht die Skeptik der Digital Immigrants. Marketingphrasen fließen in die Umgangsprache ein. Die Medien unterstützen nachhaltig eine gesellschaftliche Veränderung(sbereitschaft).
Auch unter einem anderen Blickwinkel ist dieser Ansatz richtig. Die neuen Medienformen unterstützen Entwicklungen in einer Gesellschaft. Beispiel: Der Radio- und Fernsehempfang in unterentwickelten Ländern fördert die Veränderung der Gesellschaft ebenso wie das Internet die Demokratisierung der Information ermöglicht, auch wenn totalitäre Systeme versuchen dieses zu verhindern.
Zurück zu uns. Wenn wir uns heute hierzulande über Wissensquiz freuen, so ist das die moderne Form der Kreuzworträtsel. Kochshows und Super Nanny sind Ausdruck verpasster oder negierter Prozesse im Elternhaus. Castingshows die gelebte Sucht „Du kannst morgen berühmt sein“.
Denn: Die Natur lässt sich nicht austricksen. Was kurzfristig gestaltbar, und meindlich beherrschbar ist, muss häufig mit Nachteilen (Folgeschäden) eingekauft werden. Der Mensch ist ein Naturprodukt. Und die Natur ist einerseits auf Evolution, also Veränderung und damit Beginn und Ende programmiert, aber auch auf die Korrektur verschobener Grundfunktionen, Prinzipien oder Werten.
Werte sind Vertrauensanker. Gesellschaftliche Entwicklungen, wie die Wertediskussionen oder aktuelle Umdenkprozesse im Bezug auf den Umgang mit unserer Natur, unserem Körper, unserem menschlichen Miteinander - oder unseren Kundenbeziehungen - sind richtungweisend. Ausdruck finden diese Veränderungen auch in den neuen Zielgruppenmodellen, wie z.B. den LOHAS (Lifesyle of Helth and Sunstantality), also Menschen die Bereit sind verantwortungsbewusst zu leben – ohne den dogmatischen Anspruch vieler Ökos - und der Bereitschaft für Exclusivität auch zu bezahlen. Ein Zeitgeist, der aber deutlich macht, dass wir die „Mitte“ suchen – Verlässlichkeit, Stabilität, Ausgleich – ohne die Leistungsprinzipien zu vernachlässigen!
Rückbesinnung auf traditionelle Werte – mit einer zeitgemäßen Komponente – ausgelöst durch ein freigeistiges, von der Experimentierfreude getriebenes, optionales Handeln davor, jetzt als spielerische „Option“ verstanden, wird vom Menschen – und damit von der Natur - nun pragmatisch „zentriert“. Nicht alles was möglich ist, ist auch langfristig erwünscht.
Es gibt Bedürfnisse die über den Trends stehen. Wichtig ist eher, zu wissen, dass es diese (technischen) Optionen gibt. Aber: wir werden eine unterschiedliche Durchdringung in den Zielgruppen haben, weil unterschiedliche Sichtweisen und Bedürfnisse berücksichtigt werden müssen. Deshalb ist es wichtig, „dabei“ zu sein, anschauen, probieren, lernen und nicht zu sagen, das tangiert mich nicht, denn der Grad des Tangierens, der persönliche Betroffenheitsgrad, ist bei vielen Projekten noch nicht unbedingt berechenbar.
Und was hat das Alles mit Markenführung und Medien zu tun?
Nun, zum einen zeigt es, dass wir uns ständig verändern müssen, ob wir wollen oder nicht. Lebenslanges Lernen ist heute wichtiger denn je. Das gilt auch für Marken. Antizipieren heist ein Schlüsselbegriff im Aufnehmen neuer Trends und dem Übertragen auf eigene Kompetenzen.
Bei den Medien drückt sich das in einem neuen Verhalten z.B. bei der Informationsverarbeitung, also der klassischen Redaktionsarbeit, aus. In dem neuen Medienökosystem sind die Journalisten Teil einer Community – Partizipation, Transparenz und emergente Vernetzung sind die Treiber. Der Journalist wird zum Community Organizer. Gerade die traditionellen, verlegerisch-orientierten Medien müssen die Optionen der neuen Medienangebote antizipieren. If you can`t beat them – join them.
Und zum anderen zeigt es aber auch, dass traditionelle Werte, wie z.B. Vertrauen, Ehrlichkeit, Nachhaltigkeit oder Verantwortung, wieder geschätzt werden. Die emotionale Kundenbeziehung ist ein Gradmesser der Wertigkeit und damit auch ökonomischer Faktor in der Preissensibilität der Kundenbeziehung. Im B2B-Beziehungsmanangement ist dies seit Jahren bekannt.
Im Verhältnis der B2C-Kommunikation und der gelebten Realität klaffen dagegen noch auffallende viele Lücken. Nur einige Branchen, wie z.B. der Dienstleistungssektor, sind sich der Bedeutung der „Wiederkäuferrate“ und des „Empfehlungsmarketings“ (virales Marketing) bewusst. Das produzierende Gewerbe verfährt häufig noch nach der Devise „das wichtigste ist: “verkaufen“ – ohne Rücksicht auf die Prozesse danach.
Insofern sind technologiebasierte Verkaufsprozesse (Internet-Order) zwar in der Regel kostengünstig, zeitunabhängig und für den Verbraucher komfortabel. Aber auch anonym.
Der Mensch sucht aber emotionale Ankerpunkte. Marken können das nur zum Teil leisten. Der Mensch sucht den Kontakt - zu Menschen. Deshalb funktionieren auch technologiebasierte Social Networks und Entwicklungen wie Twitter, nur bis zu einem gewissen Punkt. Dann müssen/werden sie durch reale Netzwerke ersetzt (werden).
Deshalb, wenn sich die Medien verändern, verändert sich die Gesellschaft. Aber Medien sind und vermitteln immer auch Zeitgeist. Die Evolution der Medien schafft neue Möglichkeiten und neue Bedürfnisse. Und hier ist häufig ist nicht klar zu erkennen wer oder was „Henne oder Ei“ ist.